Unterwegs ins Pfarramt

Der ehemalige Pfarr-Praktikant in der Kirchgemeinde Lindau, “Noch-Student” und angehende Pfarrer Matthias Dübendorfer schreibt:

“Was, über 50 und immer noch Student?”

Ganz so offen wird mir diese Frage zwar selten gestellt. Und doch habe ich oft das Gefühl, dass sich mein Gegenüber genau dies fragt, wenn ich mich mit meinen angegrauten Schläfen und der nicht mehr ganz faltenfreien Haut als Theologiestudent vorstelle. Oft gebe ich die Antwort ungefragt gleich selbst: Nein, ich bin nicht immer noch Student, sondern wieder Student. Ich habe mich nach zwanzig Jahren Berufstätigkeit dazu entschieden, noch einmal etwas Neues zu wagen und ein Theologiestudium in Angriff zu nehmen.

Aber wie kommt einer dazu, im besten Alter seinen Job an den Nagel zu hängen und wieder die Schulbank zu drücken?

Nach meinem Erststudium in Mathematik und Physik zog es mich in die Informatik. Damals, in den späten Achtzigerjahren, herrschte in der “elektronischen Datenverarbeitung” eine Art Goldgräberstimmung. Menschen mit einem Flair für Logik und abstraktes Denken waren sehr gefragt, um die Programme für die rasant wachsenden Computersysteme von Banken, Versicherungen und Industrieunternehmen zu schreiben. So liess ich mich von einer Bank als Analytiker-Programmierer einstellen. Mit den Jahren bildete ich mich weiter, spezialisierte mich auf Datenbanksysteme und arbeitete schliesslich als Consultant für ein IT-Beratungsunternehmen.

So weit, so gut, möchte man meinen. Doch mit der Zeit merkte ich, das mir das hektische Erneuerungstempo der Informatik immer sinnleerer vorkam: “Plus ça change, plus c’est la même chose.” Zudem wurde mir die Finanzwelt immer fremder, je näher ich sie kennenlernte. Eine Neuausrichtung drängte sich also auf. Doch in welche Richtung? Um diese Frage zu klären, nahm ich eine Laufbahnberatung in Anspruch. Nach einigen Beratungssitzungen und dem Ausfüllen vieler Fragebögen ging es an die Auswertung. Aus der langen Liste an Berufen, die meinem Profil entsprächen, stach mir sofort einer ins Auge: “Pfarrer/Pastor”. Und mir war – zu meiner eigenen Überraschung – sofort klar: Das ist es! Aber so abwegig, wie sie mir im ersten Moment vorkam, war die Idee beim zweiten Hinsehen dann doch nicht. Ich war in den Jahren zuvor immer mehr in unsere Kirchgemeinde hineingewachsen, hatte mich aktiv zu beteiligen begonnen und Freiwilligenarbeit übernommen. Weshalb also das Interesse nicht zum Beruf machen?

Nur: Wie wird man überhaupt Pfarrer?

Die Ausbildung zum Pfarrer ruht auf zwei Standbeinen. Das eine ist ein zehnsemestriges Theologiestudium an der Universität, das mit dem Master in Theologie abgeschlossen wird. Das andere Standbein ist die kirchliche Ausbildung, die teilweise schon parallel zum Studium absolviert wird. Sie beginnt mit einer Reihe von Eignungsabklärungen, den sogenannten KEA-Explorationen. Darauf folgt zwischen dem Bachelor- und dem Masterstudium das Ekklesiologisch-praktische Semester (EPS), in dem die Studierenden erste Praxiserfahrungen sammeln können. Dieses Praktikumssemester absolvierte ich in Lindau. Im EPS sollen nicht nur Erfahrungen im engeren kirchlichen Bereich gesammelt werden, sondern es wird auch das weitere Umfeld der Kirchgemeinde einbezogen. So erteilte ich während des EPS Unterricht an der Sekundarschule Grafstal und arbeitete als Hilfspfleger im Alterszentrum Bruggwiesen. Abgeschlossen wird die kirchliche Ausbildung durch das Lernvikariat, ein einjähriges pfarramtliches Praktikum, in dem der Kandidat nach dem universitären Masterabschluss sein berufliches Handwerkszeug erwirbt und schliesslich seine praktische Prüfung ablegt. In Lindau ist derzeit Reto Studer als Lernvikar tätig.

Ich selbst stehe nun kurz vor dem Abschluss meines Masterstudiums. Das Lernvikariat werde ich ab August an der Stadtkirche Winterthur absolvieren. Leider muss das Lernvikariat in einer anderen als der EPS-Gemeinde stattfinden, sonst wäre ich sehr gerne wieder nach Lindau gekommen.

Trotzdem bleibe ich noch mit Lindau verbunden:

In meiner Masterarbeit beschäftige ich mit dem Thema “Mundart und Standardsprache im Gottesdienst”. Dazu halte ich Gottesdienste in verschiedenen Gemeinden und befrage die Teilnehmer zu ihren Eindrücken. Für zwei dieser Gottesdienste darf ich die Gastfreundschaft der Kirchgemeinde Lindau in Anspruch nehmen, der zweite davon wird diesen Sonntag, am 12.4., stattfinden. Ich würde mich natürlich freuen, Sie zu diesem Gottesdienst und zum anschliessenden Nachgespräch begrüssen zu dürfen!

Matthias Dübendorfer, angehender Pfarrer

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