An den Wendepunkten

Der Lernvikar in der Kirchgemeinde Lindau, Reto Studer, schreibt:

Was “Kirche ist…” – wenn ich auf meine Woche zurückblicke, so komme ich für mich zum Schluss: Kirche ist die pure Vielfalt. Ja – genau so vielfältig wie das Leben:

Am Dienstag durfte ich eine Beisetzung gestalten.
Am Donnerstag begannen wir in “meiner” Konfirmanden-Gruppe, die Konfirmation zu planen.
Heute Samstag zelebriere ich eine Trauung.
Und morgen Sonntag darf ich einen Gottesdienst mit drei Taufen leiten und feiern.

An diesen ganz unterschiedlichen Eck- und Wendepunkten im Leben tätig sein und Menschen begleiten zu dürfen, ist für mich sicher eines der ganz grossen Privilegien im Pfarramt!

Und alle diese Tätigkeiten, alle diese Kasualien bedeuten, hinter den Kulissen, natürlich auch: zahlreiche und v.a. bisweilen sehr persönliche Gespräche im Vorfeld (mit den Hinterbliebenen, den Konfirmandinnen und Konfirmanden, dem Brautpaar, den Tauffamilien – im Lauf eines Tages bunt durcheinandergemischt [1]) und die seriöse, sensible Vorbereitung dessen, was in der konkreten Situation angemessen ist und vom Gegenüber erwartet wird. Für mich als “Pfarrer-Lehrling” ist dies eine grosse Herausforderung – ich nehme aber an und hoffe auch, dass es das auch bleibt.

Die genannten Tätigkeiten und Anlässe, und dazu noch die Leitung dieses Blog-Projekts, sind in dieser sowie der letzten Woche also zusammengekommen – und so habe ich nun wirklich das Gefühl, ich hätte einen guten Eindruck davon, was das heisst: Pfarrer sein.

Was soll ich sagen? Zeitlich passt das ganz gut! In der kommenden Woche werde ich nämlich meinen Vikariatsleiter, Pfarrer Volker Schnitzler, vertreten und also für sämtliche pfarramtlichen Belange in der Kirchgemeinde zuständig sein.

Reto Studer, Lernvikar in der Kirchgemeinde Lindau (studer[at]kirche-lindau.ch)

[1] Da ist es dann keine Überraschung, dass ich heute früh, ein paar Stunden vor der Trauung, feststellte, dass ich im Skript einmal versehentlich vom “Taufspruch” rede…

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Über Umwege ins Lernvikariat

Der Lernvikar in der Kirchgemeinde Lindau, Reto Studer, schreibt:

Was bei mir in der Taufe, in der Sonntagschule und in der Konfirmation gesät wurde, brauchte viel Zeit zum Reifen. Ich habe zwar schon immer viel und gerne über das Leben und den Tod und in diesem Zusammenhang auch über Glaubensfragen nachgedacht, dennoch war für mich direkt nach der Matura das Theologiestudium keine Option. Interessanterweise war ich aber in Dübendorf, wo ich aufgewachsen bin, einige Jahre im Ten Sing und engagierte mich da auch recht stark. An diese Zeit habe ich nur schöne Erinnerungen! Gegenüber der Kirche hatte ich also nie Berührungsängste, und meine Erfahrungen mit ihr waren durchwegs positiv.

Aber eben: Nach der Matura studierte ich dann zunächst nicht Theologie, sondern eine bunte Mischung anderer Fächer: Publizistikwissenschaft, Staatsrecht und Geschichte. Nach dem Abschluss war ich drei Jahre lang in der Managementberatung tätig, genauer: im Headhunting. Dort durfte ich an vorderster Front an internationalen Suchmandaten mitarbeiten, v.a. innerhalb der Finanzbranche. Das war eine sehr lehrreiche Zeit mit vielen tollen Gesprächen, und ich hätte mir gut vorstellen können, damit noch lange weiterzumachen. Allerdings begann ich mich nun mehr und mehr für theologische Fragen zu interessieren. So stellte sich mir, allmählich auf den 30. Geburtstag zugehend, die Frage: “Muss” es wirklich gleich noch einmal ein ganzes Studium sein – oder reicht es nicht, Theologie als Hobby, neben der Arbeit, zu betreiben? Nach längerem Abwägen entschied ich mich dazu, an die Uni zurückzugehen. Ernsthaft bereit habe ich das nie.

Auch das Theologiestudium habe ich nun abgeschlossen, im letzten Sommer war es so weit. Seither (und noch bis Ende Juli) bin ich jetzt als Lernvikar – man könnte sagen: als “Pfarrer-Lehrling” – in der Kirchgemeinde Lindau unterwegs. Hier bekomme ich unter den Fittichen und an der Seite eines erfahrenen Pfarrers, Volker Schnitzler, praktische Einblicke ins Pfarramt. Und dorthin zieht es mich auch.

Eine Prüfung habe ich bereits bestanden (Unterricht bei “meiner” Gruppe von Konfirmandinnen und Konfirmanden – ein Traum!), drei Prüfungen stehen aber noch aus: in den Bereichen Gottesdienst, Seelsorge und Gemeindeleitung. Wenn alles klappt, werde ich im August ordiniert, d.h. zum Pfarrdienst zugelassen. Und das sollte auch besser klappen: Meine Frau (die gleichzeitig wie ich, aber natürlich in einer anderen Kirchgemeinde das Lernvikariat absolviert) und ich haben unsere Wahl nämlich bereits hinter uns: Uns zieht es im Sommer in den Kanton Aargau, in die Kirchgemeinde Kelleramt.

Reto Studer, Lernvikar in der Kirchgemeinde Lindau (studer[at]kirche-lindau.ch)

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Sieh einmal die Kanzel an, wie die Kanzel…

Der Lernvikar in der Kirchgemeinde Lindau, Reto Studer, schreibt:

Angehenden Lernvikarinnen und Lernvikaren wird ja wärmstens empfohlen, sich ihre künftige Ausbildungsgemeinde vorab genau anzusehen. Zurecht: Denn auch wenn es dann ein Jahr lang nicht gleich knistern muss – knallen sollte es halt auch nicht.

Davor hatte ich aber nie Angst, denn ich hatte mit meinem jetzigen Vikariatsleiter, Pfarrer Volker Schnitzler, bereits zweimal kurz an kirchlichen Anlässen gesprochen, bevor ich ihn wegen eines Ausbildungsplatzes anfragte. Und da eine Studienkollegin, ein Studienkollege und ein Freund (und notabene: auch Trauzeuge), die hier zuvor ihre Praktika absolviert hatten, meinten, “Lindau und der Volker” und ich würden gut zusammenpassen, fand ich: Mehr muss ich nicht wissen. So habe ich mir z.B. die Kirche überhaupt nie angesehen, bevor ich im August ins Vikariat einstieg. Wieso auch?

Kaum hatte ich hier begonnen, wurde ich dann allerdings auf die Lindauer Kanzel aufmerksam gemacht. Genauer: auf das Schnitzwerk im unteren Bereich – auf dem Foto ist ein Exemplar davon rot eingekreist.

So – und jetzt ein kleiner Ausflugstipp von mir: Gehen Sie einmal in unsere schöne Kirche (sie ist selbstverständlich auch wochentags geöffnet), wagen Sie sich zur Kanzel vor – und schauen Sie sich “das” genauer an. Glauben Sie mir: Sie werden Skan-da-lö-ses entdecken. Was wurde da nämlich hineingeschnitzt?

(Ach ja: Ich habe es natürlich trotzdem nie bereut, hier wegen eines Vikariatsplatzes angefragt zu haben.)

Reto Studer, Lernvikar in der Kirchgemeinde Lindau (studer[at]kirche-lindau.ch)

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Typenfrage

Der Lernvikar in der Kirchgemeinde Lindau, Reto Studer, schreibt:

In der Kirche neigen wir ja dazu, uns offensiv als “nicht typisch Kirche” verkaufen zu wollen. Und wenn Fremde erfahren, dass ich Pfarrer werde, lautet die erste Reaktion oft: “Hätte ich jetzt nicht gedacht – bist halt anders als der typische Pfarrer!” Meinen Kolleginnen und Kollegen im Vikariat geht es übrigens ähnlich.

Das lässt eigentlich nur diesen einen Schluss zu: “Nicht typisch” ist das neue “typisch”. Wollen wir als Kirche “nicht typisch” sein, dann müssten wir also – uns “typisch” geben.

Nur: Was heisst das jetzt?!

Reto Studer, Lernvikar in der Kirchgemeinde Lindau (studer[at]kirche-lindau.ch)

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